Impulsrede von Andrea Gisler zum Thema Prostitution
Die Kantonsrätin Andrea Gisler hielt am Sonntag, 25. Oktober 2020, in der reformierten Kirche Dübendorf-Schwerzenbach eine Rede zum Thema Menschenhandel. Die Kollekte des Gottesdienstes wird der Frauenzentrale Zürich übergeben.
Vielen Dank an die Reformierte Kirche Dübendorf-Schwerzenbach und an unser Ehrenmitglied Andrea Gisler.
Hier die Rede: "Die Ware Mensch":
"Der Mensch als Ware: Woran denken Sie, wenn Sie das hören? An Leibeigene im antiken Rom? An schwarze Sklaven auf amerikanischen Baumwollplantagen? Oder an jüdische Zwangsarbeiterinnen in deutschen Fabriken im Zweiten Weltkrieg? Wahrscheinlich schweifen Sie in die Vergangenheit, weil Sie denken, dass die Sklaverei offiziell weltweit abgeschafft ist. Leider ist dem nicht so.
Das Geschäft mit der Ware Mensch blüht auch im 21. Jahrhundert. Menschenhandel ist ein lukratives Geschäft. Es steht nach dem Drogen- und Waffenhandel an dritter Stelle. Der Menschenhandel hat mit der Globalisierung deutlich zugenommen. Die Grenzen sind durchlässiger geworden, was zu Migrationsströmen geführt hat. Zu den Schattenseiten dieser internationalen Vernetzung gehört der organisierte Menschenhandel mit entsprechenden kriminellen Strukturen. Die Formen, mit denen Menschen als Güter gehandelt werden, sind vielfältig: Zwangsprostitution und sexuelle Ausbeutung, Zwangsverheiratung, Organhandel und illegale Adoptionen.
Der Handel mit Menschen ist also kein historisches Phänomen. Die Sklaverei hat einfach neue Formen angenommen. Die Sklavinnen und Sklaven im 21. Jahrhundert arbeiten nicht mehr in Eisenketten. Ihre Ketten sind nicht mehr sichtbar, aber wirksam sind sie genauso.
Auch beim modernen Menschenhandel wird dem Sklaven und der Sklavin die Willens- und Wahlfreiheit komplett entzogen, mit Gewalt, unter Androhung von Gewalt oder durch Ausnutzung von Zwangslagen. Das ist der entscheidende Unterschied zu prekären Arbeitsverhältnissen. Arbeitnehmende, die desolate Arbeitsbedingungen haben, haben möglicherweise nicht viele Optionen. Aber eines bleibt ihnen: Sie können den Arbeitsort verlassen.
Menschenhandel beschränkt sich nicht auf die Armutsgegenden der Welt. Er findet mitten unter uns statt. Auch in der Schweiz werden Menschen wie Ware verkauft und ausgebeutet, vor allem in privaten Haushalten und in der Prostitution. Menschenhandel ist immer ein gravierender Angriff auf die Menschenwürde. Er stellt eine massive Verletzung der Menschenrechte dar. Und darum muss uns alle Menschenhandel beschäftigen. Gerade die Kirchen sind gefragt und gefordert, wenn es um die Menschenwürde geht. Sie können nicht wegsehen, wenn tagtäglich Menschen zu Waren degradiert und ihrer Würde beraubt werden. Frauen und Mädchen sind von Menschenhandel besonders stark betroffen. Ihr geschätzter Anteil liegt bei über 70 Prozent. Bei diesen Opfern bezieht sich die ausgeübte Gewalt fast immer auf sexuelle Ausbeutung, also auf Zwangsprostitution. Gerne möchte ich deshalb im Folgenden den Fokus auf die Prostitution legen.
Der Umgang der christlichen Kirchen mit der Prostitution war schon immer ambivalent. So meinte der Kirchenvater Augustinus: „Wenn du die Dirnen vertreibst, werden die Leidenschaften alles verwirren.“ Auch Thomas von Aquin war überzeugt davon, dass nicht ausgelebte Sexualität für die Gesellschaft bedrohlich und darum Prostitution das kleinere Übel sei. Viele Theologen billigten mit diesen Argumenten über Jahrhunderte die Prostitution, teilweise bis heute. So äusserte sich Gottfried Locher, bis vor kurzem Präsident des Evangelisch-Reformierten Kirchenbundes, wie folgt: “Befriedigte Männer sind friedliche Männer. Wir sollten den Prostituierten dankbar sein. Sie tragen auf ihre Art etwas zum Frieden bei.“ Immer kritisch war und ist es nach kirchlichen Massstäben, wenn die Freier verheiratete Männer sind. Dies stellt einen Verstoss gegen das Gebot “Du sollst nicht ehebrechen“ dar. Martin Luther hatte für das Prostitutionsproblem eine – aus heutiger Sicht fragwürdige - Lösung parat, nämlich die Kinderehe. Wenn man das Heiratsalter auf zwölf Jahre herabsetze, bräuchten Männer keine Prostituierten mehr aufzusuchen. Es stünde ihnen ja dann ehelicher Sex zur Verfügung.
Klare Worte kommen hingegen heute vom Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Franziskus. Für ihn bedeutet jede Form von käuflichem Sex ein krimineller Akt und Versklavung. Prostitution bedeute Folterung einer Frau. Der Papst entschuldigte sich für alle Katholiken, die die Dienste von Prostituierten in Anspruch nehmen.
Prostitution ist eine gesellschaftliche Realität. Das sind aber auch Raub und Totschlag und kein Grund, sie als unabänderlich anzusehen. In der Schweiz gehen zwischen 13'000 bis 20'000 Personen der Prostitution nach. Jeden Tag suchen zwischen 6'000 und 18'000 Männer ein Rotlicht-Etablissement auf. Das sind Schätzungen, verlässliche Zahlen gibt es nicht. So genau will man es nicht wissen.
Es handelt sich bei der Prostitution also nicht um eine Randphänomen. Das Thema müsste die Kirchen in der Schweiz beschäftigen, tut es aber nicht – oder mindestens zu wenig. Haben sie Angst, dass ihnen eine rückständige Sexualmoral vorgehalten wird? Das wäre grundfalsch, denn Prostitution hat mit Sex nichts zu tun. Die jungen Frauen, die hier in den Bordellen in Dübendorf, in Schwerzenbach oder anderswo anschaffen, wollen keinen Sex mit Freiern. Sie brauchen Geld. Sie haben keine andere Wahl. Sie sind meist sehr jung, kommen aus den Armutsgegenden Europas und haben oft schon als Kind Gewalt und Missbrauch erlebt.
In den Medien werden uns andere Frauen präsentiert: Happy Sex Workerinnen, man könnte meinen, Prostitution sei für alle Beteiligten ein Riesen-Spass. Auch kirchliche Medien helfen eifrig mit, die schummrig-plüschige Idylle zu pflegen. In der Bündner Ausgabe reformiert. wurde im letzten September über eine Prostituierte geschrieben. Sie möge Sex und ihre Arbeit, war da nachzulesen. Eine Mitarbeiterin der Aidshilfe Graubünden durfte in diesem Beitrag unwidersprochen behaupten, Sexarbeit könne für Missbrauchsopfer eine therapeutische Wirkung haben. Da würden Trauma-Therapeuten und -Therapeutinnen scharf widersprechen, aber deren Meinung war in diesem Beitrag nicht gefragt. Die Realität ist nicht wie im Film “Pretty woman“. Und dieser Realität müssen wir uns stellen, auch wenn sie unangenehm ist.
Nun gibt es zwar Beratungsstellen, die von den Kirchen getragen oder unterstützt werden. Diese Beratungsstellen vertreten aber - leider - grossmehrheitlich die Haltung: Sexarbeit ist Arbeit, einfach eine besondere Arbeit. Sie helfen deshalb den Frauen, im Prostitutionsgeschäft zu überleben. Das ist vielleicht gut gemeint, aber oft ist halt gut gemeint das Gegenteil von gut. Denn letztlich tragen diese Stellen dazu bei, dass die Frauen in ihrer prekären Situation verharren. Es wird so ein System legitimiert, das es zulässt, dass sich Männer den Zugang zu Frauen und ihren Körpern erkaufen können. Mit einer christlichen Sozialethik ist es aber absolut unvereinbar, persönliche Befriedigung zu kaufen, indem ein anderer Mensch seinen Körper zur Verfügung stellt. Menschen sind keine Ware, und Körper kann man nicht kaufen.
Noch nie hatten wir so viele sexuelle Freiheiten wie heute. Freiheit hört aber immer da auf, wo die Freiheit eines andern unzulässig beschränkt wird. Das ist in der Prostitution der Fall. Frei ist nur der Freier. Auf die Bedürfnisse und Wünsche der Prostituierten kommt es nicht an. Sie haben zur Verfügung zu stehen für eine gewisse Sorte von Männern und deren Vorlieben. Und weil das gesetzlich legal ist, ist auch kein Unrechtsbewusstsein vorhanden.
Nirgends zeigt sich das Machtungleichgewicht zwischen den Geschlechtern so deutlich wie in der Prostitution. Frauen – meist junge – müssen ihr Intimstes einem beliebigen Fremden zur Verfügung stellen und sie müssen noch so tun, als würden sie das gern machen. Dass dies oft nur unter dem Einfluss von Drogen oder Alkohol möglich ist, ist klar. Viele Prostituierte entkoppeln Körper und Bewusstsein, um die Situation zu ertragen. Eine solche Spaltung kann zu schweren psychischen Schäden führen. Die Prostitution perpetuiert eine Ungleichheit zwischen Männern und Frauen. Ein besonders grosses Ungleichgewicht besteht bei jenen Prostituierten, die von Zuhältern abhängen, und das sind die meisten. Aus rechtlicher, aber auch aus christlicher Sicht muss ein anderes Geschlechterverhältnis gelten. Genau das hat Ihre Pfarrerin Catherine McMillan im Juni 2018, beim Wort zum Sonntag auf SRF, eindrücklich dargelegt. Es erstaunt nicht, dass ihr dies eine Beschwerde bei der Ombudsstelle von SRG eingetragen hat. Die Prostitutionslobby ist gut organisiert. Die Beschwerde wurde von der Ombudsstelle abgewiesen. Die Ombudsstelle kam zum richtigen Schluss, Frau McMillan habe sich auf sicherem biblischem Boden und im Einklang mit Jesus befunden, wenn sie die Prostitution als Sklaverei bezeichnet habe und finde, Frauen würden zu Waren reduziert.
Der Staat, aber insbesondere auch die Kirchen, müssen dafür eintreten, dass Menschen in unserer Gesellschaft ein Leben führen können, das ihre Würde nicht verletzt. Das aber geschieht, wenn man Prostitution zur Sexarbeit verklärt und so Machtverhältnisse verschleiert. Die Kirche hat die Aufgabe, Missstände aufzuzeigen und sich für gerechte Strukturen und eine gerechte Gemeinschaft von Frauen und Männern einzusetzen. Darum darf sie nicht schweigen oder sich damit begnügen, finanzielle Leistungen an Beratungsstellen auszurichten. Die Kirche muss Stellung beziehen. Sie muss ihre Stimme erheben, wenn Menschen Opfer von Gewalt und Ausbeutung werden. Sie muss sich der Frage stellen, ob die legale Prostitution die Frauen schützt oder ob sie vielmehr nur Menschenhändlern, Zuhältern und Freiern nützt.
Wenn die Prostitution an den Kriterien der Freiheit, der Selbstbestimmung und der Gleichheit der Geschlechter gemessen wird, fällt sie durch, und zwar hochkant. Das liegt im System selbst begründet. Verschiedene Länder haben deshalb das sogenannte nordische Modell eingeführt: Freier werden bestraft, die Menschen, die sich prostituieren, bleiben straffrei. Sie erhalten Ausstiegshilfen. Zudem wird die Bevölkerung mit Aufklärungs- und Bildungsmassnahmen sensibilisiert. Das macht etwas mit einer Gesellschaft. In Schweden, das den Sexkauf seit 1998 bestraft, lernen die Kinder schon in der Schule, dass Frauen keine Objekte sind und Sex nicht käuflich ist. Frankreich, das nicht im Verdacht steht, lustfeindlich zu sein, hat im Jahr 2016 nachgezogen, nach Norwegen, Island, Nordirland, Irland, Kanada und Israel. Prostitution wird in Frankreich nunmehr als Gewalt definiert. Dafür gekämpft hat unter anderem der Verein “Le Mouvement du Nid“, der 1937 von einem bretonischen Priester gegründet wurde. Der Verein begleitet jährlich rund 3000 Frauen in der Prostitution und hilft ihnen beim Ausstieg. Seit vielen Jahren im Verein engagiert ist Diakon Bernard Lemettre. Wenn er gefragt wird, ob Prostitution legalisiert oder reguliert werden soll, antwortet er so – und das passt auch wunderbar für mein Schlusswort: „Vor der Abschaffung der Sklaverei gab es auch Stimmen, die sanftere, bequemere Ketten forderten. Auch in einem gut beheizten, hygienischen Bordell bleibt es dabei, dass Prostituierten grosse Gewalt angetan wird und diese Menschen verachtet werden. Sie ist keines Landes würdig. Sklaverei gehört nicht reformiert, sie muss weg, auch wenn es lange dauern wird.“